Montag, 21. März 2011

Die Hammerschläge des Reformators

Quelle: Renneritz Verlag
Normalerweise müsste man skeptisch sein, wenn jemand auf nur wenigen Seiten die Reformation und damit das Leben Luthers abbilden möchte. Eigentlich dürfte dies in relativ wenigen Worten kaum möglich sein - aber dürfte ins Konjunktiv und daher nicht zwangsläufig Tatsache. Manfred Lemmer jedenfalls gelang dies. "Schritt um Schritt in die Reformation" behandelt diese oftmals sehr trocken gehaltene Thematik spielend; zudem schrieb er unterhaltsam ohne bemüht zu wirken. Lemmer wusste - er ist bereits verstorben - sich jedoch glänzend lesenswert auszudrücken. Das ist ja nicht unbedingt üblicher Standard bei Büchern, die sich mit historischen Themen auseinandersetzen. Obwohl der Autor wissenschaftlich neutral über Martin Luther und die von ihm eingeleitete Reformation berichtet, bleibt für den Leser ein bitterer Nachgeschmack zurück. Luther, lange und immer noch häufig verklärt als fortschrittlicher Reformer und gerechter Mensch, er war beiderlei nicht.

Der Luther, wie ihn uns Lemmer in seinem Buch vorstellt, ist kein Visionär; "hier stehe ich und kann nicht anders" geriet im Laufe von Jahrhunderten mitsamt der Phrase von der "Freiheit eines Christenmenschen" an falsche Konnotationen. Luther war kein Sozialreformer; er wollte die katholische Kirche reformieren, weil er diese vom wahren Glauben, der sich einzig und alleine an der Heiligen Schrift zu orientieren habe, abgefallen sah. "Sola scriptura" war seine Losung. Wir leben heute in Zeiten, da wir uns über jene ereifern, die im Namen ihrer geheiligten Schrift Sprengstoffe an ihre eigenen Leiber anbringen, um weitere Leiber mitzureißen in den Tod - auch sie besitzen letztlich, selbst wenn sie es gar nicht wissen, eine Parole, die sich mit "sola scriptura" benennen ließe. Der Augustinermönch orientierte sich nicht an den Belangen der Menschen, war nicht humanistisch inspiriert - die Bibel hatte für ihn das letzte Wort, war sein Fundament. Überspitzt gesagt: Luther frönte dem Fundamentalismus. Lemmer nimmt die Verklärung von Luther, auch wenn das sicherlich nicht sein Ziel gewesen sein mag; er wollte den Weg in die Reformation nachzeichnen - und das gelang im eindrucksvoll. Lutherverklärern wird Lemmers Aussage, wonach der Thesenanschlag wohl eine Legende gewesen sei, gleichwohl nicht besonders schmecken - immerhin, so schreibt er, sei es eine gute Legende, "denn sie lässt die Hammerschläge des Reformators gleichsam durch die Jahrhunderte hallen."

Angereichert wurde Lemmers Text um einen Aufsatz von Oliver Pfefferkorn, der sich mit der sprachhistorischen Bedeutung von Luthers Werk beschäftigt. Ein Text, der dem Leser einen anderen Blick auf die deutsche Sprache ermöglicht und nicht nur für Sprachforscher interessante Aspekte birgt.

"Schritt um Schritt in die Reformation" von Manfred Lemmer erschien im Renneritz Verlag.


Kommentare:

  1. Das sola scriptura der Reformation hat mindestens zwei Aspekte. Einen hast du oben bereits genannt. Der zweite ist im sogenannten Neuprotestantismus des 18. Jahrhunderts bereits auf den Begriff gebracht worden. Hegel beschreibt es in der Rechtsphilosophie in etwa so: Luther hat begonnen, was in der neueren Zeit immer mehr zur Geltung kommt, nämlich nichts als Wahrheit anzuerkennen, was man nicht auch als Wahrheit einsieht. Indem man sich an der Bibel orientiert, und zwar erst dann wird man in die Lage versetzt, denen, die sich auf die Schrift berufen, nachzuweisen, durch eigenes Hinsehen und Urteilen, dass sie die Bibel für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.
    Das sola scriptura ist ein Prinzip, mit dem man unter anderm auch die Idee des Sozialismus gegen den realen Sozialismus verteidigen kann. Ich hatte es schon einmal irgendwann in meinem Blog erwähnt: Der Philosoph Hermann Schweppenhäuser sagte einmal zu mir: Den Sozialismus im Osten kann man vorhalten, dass er den Ideen des Sozialismus widerspricht. Der Naziideologie kann man nicht vorhalten, ihre Praxis wäre inhuman gewesen, ihre Theorie aber human.

    Es gibt und gab zweifelsohne dogmatische, fundamentalistische Strömungen, die wirkmächtig waren, aber man sollte nicht das sola scriptura dafür verantwortlich machen, sondern die kleingeistigen Ausleger der Schrift.

    Im übrigen beginnt erst im 18. Jahrhundert die Ablösung von der Bibel, einerseits durch die Bibelkritik, andererseits durch die Emanzipation des denkenden Subjekts von der Schrift.

    Lessing sagt in der Erziehung des Menschengeschlechts, die Offenbarung gibt uns nichts, worauf wir nicht selber kämen, sie gibt es nur früher. Lessing meint damit, wir benötigen die Offenbarung nicht mehr, wir können selber denken.

    Und bei Hegel heißt es: Macht aus Jesus Christus historisch, kritisch, exegetisch, was ihr wollt, es kommt allein darauf an, was die Wahrheit an und für sich ist.
    Und diese Wahrheit an und für sich kann der Philosoph auch ohne Bibel denken.

    Ich habe - es könnte 2005 gewesen sein - auf der internationalen Featurekonferenz in Luzern ein Feature aus Norwegen gehört, es ging um eine Sängerin, die stark unter der Erziehung eines rigorosen Lutheranismus gelitten hat (möglicherweise gibt es bei den Samen solche lutheranischen Sekten), die nur auf der Bühne, wenn sie sang, sich frei entfaltete, ansonsten eher einen eingeschüchterten, unsicheren Gestus hatte.

    Dann fällt mir gerade noch ein: Mein Essay über Karl Philipp Moritz ist online auf meinem Blog. Es geht darin um die zerstörerische Kraft fundamentalistischer, religiöser Erziehung.

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  2. "Luther, lange und immer noch häufig verklärt als fortschrittlicher Reformer und gerechter Mensch, er war beiderlei nicht"

    ... und die "Die Hammerschläge des Reformators" (zwecks Thesen anpinnen ans Kirchentor) hat es nie gegeben!

    grub grab

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  3. Zum HATESNIEGEGEBEN noch eines: Es gibt eine Wirkungsgeschichte Luthers, die weit in das sich säkularisierende, emanzipatorische Denken des 18. Jahrhunderts hineinreicht.
    Es verhält sich mit Luther in etwa so wie mit dem Links- und dem Rechtshegelianismus.
    Möglicherweise liegen solchen Aufspaltungen an der universellen Zweideutigkeit allen Seienden. Oder muss es alles Seienden heissen?

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