Mittwoch, 18. Januar 2012

Kriminalroman, nicht Kriminalromantik

Quelle: Renneritz Verlag
Schaltet man abendlich ins Privatfernsehen, stöbert darin umher, so glaubt man die polizeiliche Arbeit zu kennen. Technologisierte Verfahren, DNS-Analysen, Massengentest, Beamte, für die keine grundgesetzlich fixierten Gebote im Umgang mit Zeugen und Tatverdächtigen mehr gelten. In Teasern bei RTL reißt sich ein rothaariger Ermittler stets gedankenschwanger die Sonnenbrille aus dem Gesicht und erklärt einem Tatverdächtigen, dass die in Windeseile ermittelte DNS gleich Licht ins Dunkle bringen werde und ihn ins Gefängnis - was technisch gar nicht so fix machbar ist, was das in dubio pro reo auf den Kopf stellt. Auf anderen Privatsendern dringen Beamte in Wohnungen ein und drohen Zeugen mit gesetzlichen Lügengebäuden. Kurz und schlecht, wie Polizeiarbeit heute nicht geschieht: ein Blick ins Fernsehen, selbst ein Blick in den Tatort - und man weiß es. Fälle werden durch handfeste Recherche gelöst, sagt Hartmut Finkeldey. Sein Erstling "Ostseeripper: Ein bürgerlicher Kriminalroman" baut auf diese Erkenntnis und unterscheidet sich positiv von all den Kriminalfiktionen, wie wir sie heute kennen.

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Autor und Figur

Quelle: Amazon
Die Frage stellt sich schon seit Jahren, seitdem Houellebecq Bücher veröffentlicht: Unter welcher Rubrik einordnen? "Karte und Gebiet" dürfte noch schwieriger zuordbar sein. Der Franzose wandelt zwischen Künstlergeschichte, Science-Fiction, Kriminalstück und Realsatire - lediglich die Erotik, die in bildhafter Ausmalung stete Begleiterin seiner Werke war, bleibt diesmal nur angedeutet. Fast einzigartig dürfte der schwarze Humor sein, mit dem Houellebecq seine Leser kitzelt. Denn der Autor tritt selbst auf - nicht als Held, wie man erwarten könnte, nach allem, was man von Houellebecq so zu wissen scheint. Er beschreibt sich selbst als eine arme Sau, ungepflegt, schon spätnachmittags, sobald es dunkel wird, ins Bett eilend - weswegen er den Sommer und dessen helle Abende hasst. Er lebt in einem fast leeren, kaum eingerichteten Haus, wandelt darin im speckigen Pyjama und hat scheinbar ein sehr krankhaftes Verhältnis zu Wurst. Klar ist, dass er säuft und Tabletten gegen Depression schluckt. Houellebecq beschreibt sich so, wie er seine Figuren stets darstellte: als der Liebe und der Gesellschaft unfähiger Krüppel, als sanften Soziopathen, die in seiner Sparte, in seinem Beruf zwar gigantische Taten vollbringt, aber über seine eigene Fachidiotie nicht hinauskommt und als Mitmensch gänzlich unbegabt ist.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Leiser Empörer

Quelle: Hanser Verlag
Empörung. So der Titel. So aber auch gegenüber der Schwedischen Akademie. Diese übergeht den Autor geflissentlich Jahr für Jahr - so lautet jedenfalls ein beliebter Vorwurf. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf jedoch nicht. Der Akademie deswegen Antiamerikanismus vorzuwerfen, das dürfte Unsinn sein, zumal Philip Roth keinen sehr amerikanischen Schreibstil pflegt. Was man amerikanischen Schriftstellern oft vorwirft, dass sie Handlung, Handlung, Handlung böten, dafür wenig profunde Substanz, dass sie einen stenographischen Stil, einen typischen Capotismus zelebrierten: das alles kann man auf Roth kaum anwenden. Seine Empörung allerdings, die hat amerikanische Wurzeln. Sie ist nicht polternd und lärmend; sie ist still und beschreibend und nötigt dem Leser ab, selbst Empörung zu entwickeln. Dabei erinnert er an John Steinbeck, der ebenfalls nie mit dem Finger auf etwas deutete, sondern seine Leser gleichermaßen beschreibend in die Realität holte - auf dass die sich hernach empören.

Mittwoch, 23. November 2011

Zwischen Schiller und Hitler

Quelle: Fischer Verlage
Schillers Schreibtisch sollte den Endsieg unbeschadet überstehen. So holte man ihn aus dem Weimarer Schillerhaus, lud ihn auf einen LKW und verbrachte ihn einige Kilometer weiter. Neue Anschrift des Möbelstücks: Konzentrationslager Weimar-Buchenwald. Dort sollte er nachgebaut werden. Das Duplikat landete endlich im Schillerhaus, das Orginalstück wurde bombensicher verwahrt. Schließen konnte man das Schillerhaus jedoch nicht, denn Schiller, das war für die braunen Herren der deutscheste aller deutschen Dichter. Schiller war früher Nationalsozialist, wie damals viele hakenkreuzlerische Literaturexperten schrieben. Das Schillerhaus musste als Kirche deutschen Kulturguts geöffnet bleiben - der deutsche Soldat sollte dort besinnliche Augenblicke erleben, um gestärkt an sein unheilbringendes Werk zurückkehren zu können.

Mittwoch, 9. November 2011

Sezierte Liebe



Quelle: Renneritz Verlag

Emotional verstümmelte Gestalten tummeln sich in Houellebecqs Romanen. Sich schwer in andere verliebbare, an Karrierismus nagende, vertrauenslose Seelen, die vermutlich die literarische Figur unserer Zeit abliefern. Jede Epoche bringt literarische Charaktere hervor, die sich aus der Realität greifen lassen. Sie sind dabei Stilmittel. Der Anti-Held, verunsichert und in Liebesdingen rational und wissenschaftlich herangehend, das ist der Charakter der Stunde. Houellebecq trieb ihn auf die Spitze. Matthias Grabow sublimiert ihn in seinem ersten Roman, der für seine Fülle einen viel zu blassen Titel trägt. "Hanna" heißt der und stellt das Ringen einer jungen Liebe dar, die an Realitäten stößt. Wo einst die Macht der Liebe alles unter sich begrub, Hindernisse ausräumte, da bewirkt der emotionale Krüppel nichts mehr. Lediglich zu träumen wagt er, doch sämtliche Barrieren sprengen zu können. Aber ein wirklicher Heros wird er nicht werden.