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Donnerstag, 29. März 2012

Ein Präsident und seine Zeit

Quelle: Verlag Ferdinand Schöningh
Die Gratwanderung die ein Biograph historischer Persönlichkeit zuweilen auf sich nimmt, kann bitterlich enden. Stets ist der Verbund zwischen Darstellung der Person und dem historischen Kontext, dem ausgeatmeten Zeitgeist jener Tage zu verquicken. Ganz davon abgesehen, sich in den zu beschreibenden Charakter nicht so sehr zu verlieben, dass am Ende eine Hagiographie entsteht. Ronald D. Gerste nahm den schmalen Grat gekonnt. Er lieferte eine Biographie und ein Zeitgemälde. Nicht nur Franklin D. Roosevelt erwacht nochmals - auch das Amerika, in dem er (politisch) groß wurde, in dem er Präsident war, das er nach langem Anlauf in den Krieg führte, entsteht beim Lesen bildlich. Dabei sollte man sich vom Titel "Roosevelt und Hitler" nicht täuschen lassen - beide werden im Buch nicht nebeneinander gestellt, beide Biographien finden nicht Berücksichtigung. Hitlers Eckdaten werden gemieden, was dem deutschen Leser, seit Jahrzehnten eingedeckt mit Hitler-Biographien, nur zupass kommen kann.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Wo die Gleichstellung noch hin muß

Quelle: Bastei-Lübbe Verlag
Ein Blick in deutsche Jugendämter. Da wütet ein Familienrecht, in dem die Gleichheit zwischen Mann und Frau garantiert nicht garantiert ist. "Entsorgte Väter" nennt Katrin Hummel daher ihr Buch - wenn die Liebe aufhört, dann bleiben meist Männer ohne ihre Kinder zurück. Waren sie unverheiratet, so hatten sie so gut wie überhaupt keine Möglichkeit, weiterhin für ihren Nachwuchs da zu sein. Selbst nachdem eine Neuregelung der elterlichen Sorge im Jahr 2010 vom Bundesverfassungsgericht erwünscht wurde, hat sich nur wenig zugunsten von Vätern getan - sie sind der Laune der Mütter ausgesetzt, die bei Totalverweigerung nicht den Druck der Behörde oder des Familiengerichtes spüren, denen dafür aber nachgegeben wird, wenn sie nur stur genug bleiben, was den Umgang ihrer Kinder mit den Vätern betrifft. Endstation für solche Väter ist dann nicht selten Arbeitslosigkeit, bedingt durch psychische Erkrankung - der gender mainstream macht daraus gerne die Legende der Drückebergerei, schimpft wütend über Väter, die gegangen sind (diese Ideologie lehrt, dass Männer nicht verlassen werden, sondern immer selbst gehen, selbst dann, wenn es die Frau war, die ging) und die hernach ihre Arbeit niederlegen, weil sie den Unterhalt umgehen wollen.

Mittwoch, 15. Februar 2012

... und [der] erste Prinz, der ein Weiser ist, und welcher nach Art der alten Weisen reiset."

Quelle: Renneritz Verlag
Eine Rezension von Klaus W. Haupt.

Diese Charakterisierung des jungen Fürsten von Anhalt-Dessau durch seinen Cicerone Johann Joachim Winckelmann macht deutlich, wodurch sich dessen Kavalierstour von anderen unterschied: All die in Rom und Neapel besuchten Gebäude, Kunstwerke und Sammlungen hielt der Architekt Erdmannsdorff in seinem Kunsthistorischen Journal fest. Über die Hälfte des Tagebuches entstand unter dem Einfluss Winckelmanns in Rom. Die ausführlichsten Beschreibungen behandeln Werke der Bildhauerei und Malerei, die später in Dessau-Wörlitz zur Gestaltung von Architektur und Landschaft dienten.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Essen und Sein

Quelle: Amazon.de
Ein sadistisches Buch. Für Fleischfreunde: ein sadistisches Buch! Es vergällt einem den Hunger. Ebenfalls ein masochistisches. Es knüppelt das Gewissen. Informativ ist es obendrauf - nicht nur für Karnisten natürlich. Jonathan Safran Foer lieferte mit "Tiere Essen" Seiten ab, die tief ins Gemüt von Fleischessern graben. Er tut das nicht moralingesäuert, nicht oberlehrerhaft. Sein Ton ist getragen, fast erschütternd zurückhaltend. Niemand soll zur Fleischlosigkeit belehrt werden, meint Foer. Raffiniert ist das von ihm schon, sich dergestalt aus der Rolle des Moralisten stehlen zu wollen. Niemand soll fleischlos werden - aber der, der es liest, der wird. Vielleicht nicht vollumfänglich, Vegetarierer muß er deshalb nicht gleich werden. Fleischkonsum ist zu sehr anerzogen, als dass man ihn mit dem Lesen eines Buches ablegen könnte. Aber man denkt nach, wenn man kaut - und wenn es der Geldbeutel hergibt, dann kauft man so, dass man mit etwas besserem Gewissen kauen kann.

Montag, 21. März 2011

Die Hammerschläge des Reformators

Quelle: Renneritz Verlag
Normalerweise müsste man skeptisch sein, wenn jemand auf nur wenigen Seiten die Reformation und damit das Leben Luthers abbilden möchte. Eigentlich dürfte dies in relativ wenigen Worten kaum möglich sein - aber dürfte ins Konjunktiv und daher nicht zwangsläufig Tatsache. Manfred Lemmer jedenfalls gelang dies. "Schritt um Schritt in die Reformation" behandelt diese oftmals sehr trocken gehaltene Thematik spielend; zudem schrieb er unterhaltsam ohne bemüht zu wirken. Lemmer wusste - er ist bereits verstorben - sich jedoch glänzend lesenswert auszudrücken. Das ist ja nicht unbedingt üblicher Standard bei Büchern, die sich mit historischen Themen auseinandersetzen. Obwohl der Autor wissenschaftlich neutral über Martin Luther und die von ihm eingeleitete Reformation berichtet, bleibt für den Leser ein bitterer Nachgeschmack zurück. Luther, lange und immer noch häufig verklärt als fortschrittlicher Reformer und gerechter Mensch, er war beiderlei nicht.

Dienstag, 15. März 2011

Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Quelle: Eichborn Verlag
"In den Büchern stehen die Namen von Königen", behauptet Brecht in seinem Gedicht "Fragen eines lesenden Arbeiters" - und weiter fragt er ebendort: "Der junge Alexander eroberte Indien. / Er allein? / Cäsar schlug die Gallier. / Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" Solchen Fragen ging Helge Hesse in seinem Buch "Unbekannte Helden der Weltgeschichte" nach und liefert teils spannende, teils unterhaltsame Antworten. So wird man durch die Weltgeschichte geschleift, ohne die ganz großen Namen zu behandeln. Der Leser macht sich mit diesen unscheinbaren Gestalten gemein, die natürlich nicht immer Helden im Sinne dessen sind, was wir heute als heldenhaft meinen. Manche morderten oder ließen morden - aber ohne sie wäre die Geschichte, wie wir sie heute kennen, etwas oder vielleicht sogar ganz anders verlaufen.

Freitag, 11. März 2011

Vom Sklaven zum Volkstribun

Bildquelle: Amazon.de
"Eine Übung in Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte" nennt der Autor sein Kind selbst. Das trifft nur halbwegs zu, denn das 2008 erschienene Buch "The Triumph of Music" ist mehr als Übung, gleichwohl es zwischen Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte umherhangelt. Es gelingt Tim Blanning, Professor in Cambridge, erstaunlich spielerisch, die Geschichte der abendländischen Musik zu skizzieren, sie in den Kontext und die Wechselwirkungen ihrer Zeit zu ordnen. Und was lobend hervorgehoben werden muß: man muß kein Musikus sein, um die geschichtliche Aufarbeitung der Musik zu begreifen. Man vernimmt die historisch-musikalischen Töne des Historikers auch ohne Noten lesen zu können. Virtuos wirft er mit politischen Fakten, Musikerbiographien und kunsthistorischen Einblicken um sich, vereint sie dergestalt, dass sie wie aus einem Guss lesbar werden. Wo andere Abhandlungen zur Geschichte der Musik im Soziolekt Musizierender verenden und außerdem an schreiberischer Unzulänglichkeit leiden, wo andernbuchs Langeweile und Unverständlichkeit zum Marsch blasen, da trumpft Blannings "Triumph der Musik" mit Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit auf.